Da war ich wohl ein klein wenig zu optimistisch, als ich dachte, dass mein Vater es eventuell bald schaffen könnte wieder zu sitzen. Im Moment kann er sich noch nicht mal selbst auf die Seite drehen. Die Narbe heilt schlecht, ist immer noch ein ganzes Stück offen und anscheinend hat er auch immer noch starke Wundschmerzen. Als die Schwester kam, bat meine Mutter, das Krankenbett am Kopfende etwas höher zu stellen und schon bei der kleinsten Bewegung sah ich, wie er zusammenzuckte und laut aufschrie. Er schreit auch, wenn man seine Füße etwas stärker bewegt, was ich mir nur so erklären kann, dass er durch das lange Liegen noch steifer geworden ist, da er ja vorher schon Arthrose hatte. Vielleicht ist er auch tatsächlich durch das Morphium, das er noch immer bekommt und die starken Schmerzmittel, die er schon vorher genommen hat, schmerzüberempfindlich geworden ist, denn früher kannten wir das an ihm überhaupt nicht, im Gegenteil, meine Mutter und ich haben uns immer über sein dickes Fell gewundert.
Sie wollte ihm dann heute unbedingt die Zehennägel machen, obwohl er schon die letzten Tage immer abgewehrt hat und sie nicht an die Füße ließ. Er hat dabei geschriehen wie am Spieß, wenn ich allerdings sehe, dass meine Mutter den halben Zehennagel abknipst bis ins Nagelbett, dann wundert mich das überhaupt nicht, da würde ich wohl auch schreien. Eigentlich fand ich seine Zehennägel gar nicht so unerträglich lang, wie meine Mutter meinte, dass man ihm dieser Tortur nun unbedingt unterziehen müsste. Sie sind einfach total verwachsen, verdickt und pilzig, aber da hilft auch das Abknipsen nichts und so lange sie nicht wirklich zentimeterlang sind, würde ich da gar nichts machen. Aber meine Mutter fühlt sich einfach nicht wohl, wenn sie nicht stundenlang an einem rummachen kann, das kenne ich ja noch von meinen eigenen Krankheiten.
Ich konnte beobachten, dass sie jetzt meinem Vater gegenüber immer solche Bewegungen und Gesten macht, wie sie das sonst bei Säuglingen, Kleinkindern und bei unserer Katze getan hat. Und augenblicklich sehe ich dann eine steile Zornesfalte auf der Stirn meines Vaters erscheinen, doch da er heute nur gehustet hat und kaum sprechen konnte hat er nichts gesagt. Ich vermute, dass es diese Dinge sind, die ihn meiner Mutter gegenüber aggressiv machen, und ich kann das nur zu gut verstehen, da das genau diese Dinge sind, die mich selbst oft auch schon aggressiv gegenüber meiner Mutter gemacht haben, aber das ist ein anderes Kapitel für sich und ich mische mich da auch nicht mehr ein, weil ich nicht vor habe, meine Mutter noch zu ändern.
Er hat mir heute ein Stück Bulette, fünf Erdbeeren und drei Stück Schokolade abgenommen. Ich hatte den Eindruck, dass er von den Erdbeeren noch mehr genommen hätte und meinte zu meiner Mutter, dass sie anscheinend mehr davon mitbringen könne. Darauf sagte sie, dass das aber nichts nützt, weil die Erdbeeren kein Protein enthalten und nicht das sind, was er essen soll. Also so ein Schwachsinn! Ich finde, wenn es irgendwas gibt, was ihm schmeckt und was er ißt, dann soll er so viel davon essen, wie er will, egal ob das nun gerade das ist, was er angeblich braucht. Schließlich lebt man ja nicht nur von Proteinen und die Dinge an denen man sich erfreut, sind ja für den Lebensmut oft viel wichtiger, als alles andere. Und überhaupt geht es hier vielleicht gar nicht mehr um das Gesundwerden, sondern nur noch darum, eine schwere Zeit etwas zu erleichtern.
Jedenfalls, wie ich meinen Vater heute so sah, erschien er mir wirklich sehr alt und eingefallen, er sah genau so aus, wie ich das von sehr alten pflegebedürftigen Personen in Altenheimen kenne, alleine schon das Aussehen und die Art wie er sich bewegt, bzw, nicht bewegt, die Hände hält usw. Für mich ist das gar nicht einfach, sowas zu sehen, deshalb bewundere ich immer das Pflegepersonal, die tagein, tagaus mit solchen Menschen zu tun haben. Mich macht ein Tag allein schon richtig depressiv, allerdings gilt das generell wenn ich solches Elend sehe, nicht nur wenn es mein Vater ist. Aber wahrscheinlich entwickelt man mit der Zeit, wenn man einen solchen Beruf hat, eine gewisse Kunst, sowas nicht zu sehr an sich ran zu lassen, was ja auch viel vernünftiger ist. Denn alleine durch mitleiden hilft man ihnen ja nicht. Auf der Station gibt es eine Schwester, zu der er immer "olle Tante" sagt. Es ist bewundernswert, mit wieviel Humor sie das nimmt. Sie kommt dann ins Zimmer rein und sagt zum Beispiel: "So, hier kommt die olle Tante und bringt ihren Tee....". Schade, dass er das nicht hört.
Nach dem Krankenhausbesuch haben wir uns das Pflegeheim angeschaut, in welches wir versuchen werden, ihn unterzubringen, falls er es schafft, aus dem Krankenhaus entlassen zu werden. Es war irgendwann klar, dass meine Mutter das nicht schaffen kann, selbst mit Hilfe. Das Pflegeheim ist nur quer über die Straße von der elterlichen Wohnung, so dass meine Mutter da jeden Tag schnell hin kommt und es gefällt mir ausnehmend gut. Fast könnte man ein bißchen neidisch werden, denn es ist wirklich sehr schön da, sehr gemütlich, mit einem großen Garten und Terasse, einer großen Dachterasse, wo man weit über die Dächer schauen kann, alles sehr liebevoll gestaltet, dekoriert, wirkt sehr heimelig, überhaupt nicht wie ein Heim. Nun wird er davon nicht viel haben, wenn er nur noch liegen kann, aber man hat doch das Gefühl, dass er da gut aufgehoben wäre. Allerdings ist es auch entsprechend teuer, doch glücklicherweise hat er ja finanziell so ausgesorgt, dass es da keine Probleme geben wird.
Danach habe ich dann wieder bergeweise Papier weggetragen und zerschreddert. Meine Mutter hatte beim Aufräumen eine abschließbare Kassette mit Zahlencode gefunden, die sie nicht auf bekam. Wir also an dieser Kassette rumgebastelt, es hat immer sehr geklappert und nach Geld geklungen, meine Bruder unkte schon, dass mein Vater wohl seine Diamanten darin verwahrt hätte. Schließlich hat er sie ganz rabiat mit einem Schraubenzieher aufgebrochen und darin fanden wir zwei kirchliche Spendenbecher mit noch echten ehemaligen Pfennigstücken darin und außerdem ein Portmonnaie mit tschechischen Münzen und Papiergeld. Da die Kassette schon vor dem Öffnen so aussah, als hätte daran jemand rumgefuhrwerkt, habe ich ja den starken Verdacht, mein Vater wußte selbst nicht mehr den Zahlencode zum Öffnen. Es ist wirklich sagenhaft, was meine Mutter beim Aufräumen alles findet. Unter anderem einen riesigen Berg von Spendenquittungen für jede Art von Vereinen und Stiftungen. Es ist unglaublich, wie großzügig mein Vater spenden konnte, und wen er alles unterstützt hat: die Indianer, die Tiere, afrikanische Kinder, die Arthrosestiftung, kirchliche Stiftungen usw. usf. Unglaublich deshalb, weil er der Familie gegenüber immer mehr als geizig war und ich bin mir auch nicht sicher, ob er gespendet hat, um zu helfen, oder ob er sich immer von den kleinen Geschenken locken ließ. Ich kann mich noch erinnern, wo ich ihn das letzte Mal zu Hause gesehen hatte, wie er da von so einer Spendenorganisation einen Blech-Indianeranhänger bekommen hatte, völliger Tünnef, und sich freute wie Bolle. Außerdem ist meine Mutter gerade dabei, sämtliche Abonnements wie zum Beispiel bei der Münze, bei diversen Klassenlotterien u.ä. zu kündigen und es trifft täglich neue Post ein.
Von einer angenehmen neuen Munterkeit überwältigt kam ich zu Hause an, nachdem ich mich vorher schon von Robert verabschiedet und seinen Vorschlag, mich heim zu fahren, abgelehnt hatte. Wir einigten uns aber darauf, dass er mich am nächsten Samstag von zu Hause abholen und zum Ball auf der Taubeninsel bringen würde. Als ich das Zimmer betrat, erschrak ich, denn auf der nun grau im Halbdunkel der Nacht vor mir liegenden frischgestrichenen Wand gewahrte ich etwas dunkles, was dort wie ein Schatten klebte. Nervös betätigte ich den Lichtschalter und trat näher an die Wand heran, ohne das Ding gleich einordnen zu können. Nach einem kurzem Moment erkannte ich, dass es sich einfach nur um einen schwarzen Fleck handelte, an eben derselben Stelle, wo sich das Puppenversteck befunden hatte. Öliger Staub benetzte meine Fingerspitze, als ich darüber strich. Doch die Tatsache, dass es sich nur um einen Fleck handelte, beruhigte mich keineswegs, wie meine getreuen Leser mir sicherlich nachempfinden können, denn es war mir ein Rätsel, wie dieser entstanden sein konnte. Ich hatte allen Staub von der Wand entfernt und jede Ritze zugespachtelt. Völlig unmöglich, dafür eine Erklärung zu finden. Auch der Fleck auf dem Teppich war wieder dunkler und auch etwas größer geworden, nun fast schwarz. Obwohl sich ein leiser, stiller Ärger über das Zuschanden machen aller Arbeit und Bemühungen in meinem Herzen rührte, überwog doch ein seltsamer Schrecken. Krampfhaft versuchte ich eine ganze Weile, nicht mehr auf diese Stelle an der Wand zu schauen, doch je mehr ich es versuchte, um so mehr musste ich daran denken und bald konnte ich gar nicht anders, als genau dorthin zu starren. Deshalb hielt ich kurzerhand nochmals einen breiten Malerpinsel in meiner zittrigen Hand und übertünchte in großzügig aufgetragenen Bahnen den mysteriösen Fleck. Nun lag die Wand in neuerlicher jungfräulicher Weiße vor mir. Ich spülte die letzten Farbreste von meinen Händen und die Schweißperlen von meiner Stirn, dann begab ich mich zur Ruhe. Ein orangeroter Vollmond, der am Himmel wie ein würziger Käse in einer gigantischen Mausefalle hing, schaute zum Fenster herein und legte eine perlende Lichtspur quer in den Raum. Ihr folgte ich bis hinein in das Herz des Universums, wo ich tanzend die Leere fing und funkelnde Sterne daraus formte.
Durch die glitzernde Schwärze schwebte langsam ein Gesicht heran. Ich kannte es. Ich wusste, ich hatte es schon einmal gesehen. Es war böse und grausam. Vielleicht das Gesicht eines Kriegers, doch durch das lange, wallende Haar hindurch sah ich kleine Perlenohrringe blitzen. Es scheint zu mir zu sprechen, seine Lippen bewegen sich und wiederholen immer wieder dieselben Worte. "Sophie Alexejewna" hallt es lautlos in meinem Kopf, ohne Unterlass, bis ich die Augen öffne. „Sophie Alexejewna“ sage ich und warte.
da sich anscheinend niemand mehr beteiligen will, steht das Ergebnis der Leserumfrage fest: die Mehrheit interessiert sich für meine persönlichen Tagebucheinträge. Ein bißchen wundert mich das ja, denn mein Leben ist nun alles andere als spannend. Andererseits beruhigt es mich aber, dass ich weiter ungehemmt über mein langweiliges Leben labern kann, ohne dass es jemanden anödet. Dabei fällt mir auf, dass ich mit dem Labern schon nachgelassen habe. Zumindest reine "Gedankeneinträge" sind seltener geworden. Das bedeutet nicht, dass ich keine mehr habe, aber sie sind so "speziell", dass ich sie selbst für mich nicht aufschreiben mag, denn dies erscheint mir so überflüssig, wie diese Gedanken an sich. Und doch ist da ein Thema, dass mich schon seit längerem immer wieder beschäftigt. Nicht erst, seit der lebensbedrohlichen Situation meines Vaters, auch vorher waren diese Überlegungen latent da, doch durch die Änderung der Umstände haben sich ganz konkrete Umrisse einer ganz konkreten Frage herausgebildet, wobei ich nicht weiß, ob es wirklich nur eine Frage ist, wenn auch eine für mich im Moment enorm wichtige, oder ob es sich nicht eher um eine Erkenntnis handelt, die mich durch die Änderung meines Blickwinkels in einer leichten bewußtseinsmäßigen Orientierungslosigkeit zurück läßt.
Jedenfalls kristallisiert sich für mich immer stärker heraus, dass es tatsächlich zwei Wege gibt, eine Tatsache, die mir vorher noch nie so klar vor Augen stand und von der ich auch jetzt nicht weiß, ob es nicht nur eine Gaukelei meines Verstandes ist. Doch sie erscheint mir so deutlich und selbstverständlich, so dass ich mich direkt frage, warum ich das nicht vorher gesehen habe, dass ich sie so schon für mich verinnerlicht habe. Und somit die Frage aufgeworfen finde, welchen Weg ich gehen möchte, bzw. welchen Weg ich gehen muß, damit das Ergebnis, das ich mir wünsche, eintrifft. Ich weiß ja, Umwege führen auch zum Ziel, aber in diesem Punkt bin ich nicht gewillt, auch nur noch einen einzigen Umweg zu machen. Und ich fürchte fast, dass genau diese Maßlosigkeit meiner Forderung dabei zu einem Verhängnis werden wird, denn sie zeigt zwar meinen starken Willen, dieses Ergebnis zu erreichen, aber dieser allein wird dafür nicht ausreichen oder mir vielleicht sogar im Wege stehen, da er sich auf ein völlig eigennütziges Ziel konzentriert.
Durch die Impulse, welche ich von außen erhalte, dürfte der zu wählende Weg eigentlich klar sein, denn alle weisen nur auf den einen hin, und dennoch hege ich gerade gegen diesen Weg einen gefühlsmäßigen inneren Widerstand, obwohl ich ihn ja unbewußt schon ein ganzes Stück weit beschritten habe. Unbewußt deshalb, weil ich mir über die Zusammenhänge und Konsequenzen des Tuns nicht klar war, sondern mich reine Neugierde trieb. Nun, wo ich sehe, wohin er (angeblich) führen soll, bin ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich das ist, was ich möchte, auch wenn es noch so toll klingt, oder ob es nicht sogar der gerade Weg in die "Hölle" ist, um es mal so auszudrücken, gemeint ist damit meine persönliche Vorstellung von der "Hölle", der ich gerne entgehen möchte. Doch nun stehe ich hier angewurzelt mitten auf dem Weg, unentschlossen, an einem Scheidepunkt zwischen Himmel und Hölle, um bei diesen kirchlichen Begriffen der Einfachheit halber zu bleiben, und bin mir nicht mehr sicher, welches wo ist, bzw. bildlich gesprochen, wo oben und wo unten ist. Ich frage mich außerdem, ob es überhaupt möglich ist, vollständig umzukehren. Wahrscheinlich ist es nicht unmöglich und im Vergleich zu der anderen Richtung, in welcher ein riesiger Berg vor mir liegt, von dem ich noch nicht einmal weiß, ob ich ihn auch bewältigen (und rechtzeitig bewältigen) kann, vielleicht sogar einfacher. Und dann denke ich mir manchmal, vielleicht ist ja insgesamt alles viel einfacher als ich es mir denke und überhaupt sollte man nicht so viel denken....
Tagebucheintragung vom 13.7.1979
Klaus Luchterhand – Held der Arbeit. Klingt bescheuert. Jeder weiß, dass ich kein Held bin. Doch bei Schatzi fühle ich mich so. Gerade drei Wochen ist es her, dass wir das erste Mal miteinander geschlafen haben. Und meine Aufregung stellte sich als völlig unbegründet heraus. Na ja, nicht ganz. Aber inzwischen habe ich mich gut unter Kontrolle. „Los Katerchen,“ hat sie gesagt, „gleich noch mal!“ und dann habe ich es ihr richtig gegeben, bestimmt. Hinterher hat sie mich gekniffen. Ich habe jetzt noch den blauen Fleck, der inzwischen grün geworden ist. Sie ist so heißblütig und temperamentvoll, ganz anders als ich. Seitdem könnte ich dauernd, wenn ich sie nur sehe, ach, was sage ich, wenn ich nur ihre Stimme höre oder an dem Laken rieche, auf dem sie gelegen hat.& Wenn ich neben ihr im Bett liege, ist an Schlaf kaum zu denken. Aber schlafen kann ich noch genug, wenn ich tot bin und schließlich habe ich viel nachzuholen. Ich kann mein Glück gar nicht fassen, dass so eine tolle und erfahrene Frau mich liebt. MICH. Tut sie das? Ganz sicher. Olga ist seit Wochen nur mit mir zusammen. Es ist die Art, wie sie sich mir hingibt, die mich so sicher macht. Dass sie schon andere vor mir hatte, stört mich überhaupt nicht, weiß sie sich jetzt doch das Beste von mir zu nehmen. Aber manchmal frage ich mich, ob sie sich den anderen wohl ebenfalls so entgegengestreckt hat, wie sie das bei mir tut. Und ob sie es mit den anderen vielleicht häufiger gemacht hat als mit mir. Leider will sie nämlich nicht so oft wie ich. Letztens hat sie mir plötzlich eine Ohrfeige gegeben, als ich versucht habe, sie mitten in der Nacht zum vierten Mal zu verführen. Ich war vielleicht erschrocken. Wenn sie so wütend ist, kann sie einem richtig ein bisschen Angst machen. Aber sie hat recht, es war dumm von mir, schließlich kann ich ja nicht erwarten, dass sie es die ganze Nacht hindurch mit mir treibt. Sie braucht ihren Schlaf und ich will ihn ihr gönnen. Sie soll es gut haben bei mir. Deshalb halte ich mich jetzt zurück und bewache ihren Schlummer, wenn die Müdigkeit, wie so oft an ihrer Seite, einen großen Bogen um mich macht. Ich mag es, ihr in diesen Momenten des Traumschlafes zuzuschauen, in welchen sich ihre Augäpfel wie wild unter ihren schönen Lidern mit den langen Wimpern bewegen, und ich stelle mir vor, wie sie von mir träumt und wir dort drüben, in ihrer anderen Welt, die schmutzigsten Dinge tun. Manchmal sabbert sie im Schlaf, das ist richtig süß. Ich lecke dann mit meiner Zunge vorsichtig ihren Speichel vom Kinn und vom Kopfkissen auf. Natürlich so, dass sie es nicht merkt. Diese Hitze ist zur Zeit kaum auszuhalten. Allerdings weiß ich nicht genau, ob es wirklich nur der heiße Sommer ist oder nicht vielmehr die ständige innere Hitze, die mich so auslaugt. Aber ich möchte es gar nicht anders. Nächsten Monat bekomme ich endlich den Trabi, für den ich mich zwei Tage nach meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag angemeldet habe. Ich scheine tatsächlich eine Glückssträhne zu haben.&
[Es existiert keine Umfrage mit der ID 4496!]
Bei der heutigen Dienstberatung machte jemand bei der Diskussion über die Kisten den Einwurf, dass es doch noch ginge, wenn sich die Akten in einer Kiste befänden und nicht unter dem Schrank lägen und Schuhe davor ständen. Man hatte nämlich tatsächlich in einem Zimmer solche Akten gefunden, die hinten unter dem Aktenschrank lagen und wo Schuhe davor standen. Kein Wunder also, wenn wir uns manchmal nach Akten tot suchen. Meine Chefin meinte darauf, dass sie ja die Schuhe bedenklicher fände, als die Akten unter dem Schrank, denn sie frage sich, ob man nicht in irgendeinem Schrank noch einen Sachbearbeiter finden würde, der dort vergessen wurde. *lol*
Super! Da liege ich gerade auf dem Bett, schaue an die Decke und will entspannt masturbieren mich entspannen, da sehe ich doch genau an der Kante zwischen Decke und Wand mehre gelbe Flecken. Erst dachte ich, dass es vielleicht nur ein Lichtspiel ist, doch auch bei näherer Betrachtung blieben sie. Da das Dach gerade erst erneuert wurde, gehe ich mal davon aus, dass es keine neuen Wasserflecke sind, sondern die alten, die von dem Maler übertüncht wurden, als es vor einigen Jahren mal durchgeregnet hatte, und die jetzt anscheinend wieder durchkommen. Irgendwie kann ich mich wohl darauf einstellen, dass ich im Herbst das ganze Zimmer komplett renovieren muss, was ich ja immer noch gehofft hatte, vielleicht zu umgehen und nur teilweise zu machen. Aber nachdem nun schon der Elektriker überall seine Spuren hinterlassen hat und jetzt noch diese Flecken dazu kommen, kann ich das eindeutig vergessen.
Ich sollte wohl auch ein bißchen vorsichtiger sein, was ich in meiner namenlosen Geschichte schreibe, denn weil ich dort so dick mit den Wasserflecken aufgetragen hatte, scheint sich meine Umgebung unmerklich der Story anzupassen, nicht zu vergessen die Gerüchte von ganzen Büchern und Romanen, die sich in Realität verwandelten. Vielleicht hat meine Geschichte auch so einen selbsterfüllenden Effekt.......schreckliche Vorstellung!
Da haben mir doch zwei bei irgendeinem der vielen Umzüge jeweils zwei Kisten mit Akten, also insgesamt vier in mein Zimmer gestellt, mit der Begründung, dass bei ihnen kein Platz mehr ist (aber in meinem winzigen Büro natürlich). Dann standen die da und standen, klar habe ich mir sowas schon gedacht, dass die ihre Akten loswerden wollen, sprach das vor einiger Zeit bei einer Dienstberatung an. Darauf bestimmte meine Chefin, dass die Akten mit zu den Altakten in die Schränke gehängt werden sollten. Bei der Kollegin, die damit beauftragt war, tat sich aber nichts und als ich nachfragte, meinte sie, dort sei kein Platz mehr. Also stehen die Kisten weiter bei mir rum und ich muß jedesmal um sie herumlaufen, wenn ich zum Waschbecken will. Als die beiden bei der heutigen Dienstberatung ihre Aktenzahl angeben sollen, warf ich deshalb erneut die Kisten ein. Darauf unterbrachen sie mich erst und meinten, dass das keine laufenden wären, aber als meine Chefin den Einwurf aufgriff,
hatten sie auf einmal Gedächtnisschwund und fragten, was das denn für Akten wären und wann sie die bei mir reingestellt hätten, sie könnten sich überhaupt nicht daran erinnern (komisch, kurz vorher wußten sie noch, was das für Akten sind). Nun hat meine Chefin diesselbe Kollegin wie das letzte Mal beauftragt, sich um die Akten zu kümmern. Mal sehen, ob sie es diesmal macht. Ich jedenfalls werde die Akten nicht anfassen. Ich habe selbst noch ca. 450 zu bearbeiten. Zu allem Überfluß sind irgendwo auch noch überraschend sieben neue Kisten mit Akten aufgetaucht. Am Ende der Dienstberatung hielt sich unsere Chefin die Ohren zu und meinte, sie könne das Wort Kiste nicht mehr hören.
Die ganze Menschengemeinschaft gliedert sich - bewusst oder unbewusst - in zwei grundlegende Gruppen: erstens in jene, welche die alte Ordnung der Dinge vertreten, die also reaktionär sind und zur Absonderung neigen. Sie repräsentieren den trennenden Nationalismus, Begrenztheit, Knechtschaft und unterwürfigen Gehorsam, sie veranschaulichen religiöses Sektierertum und Abhängigkeit von der Autorität. Sie sind gegen alle modernen Neuerungen und gegen jeden Fortschritt. Zweitens gibt es jene, die eine geeinte Welt erschauen, in der die Liebe zu Gott die Liebe zum Nächsten bedeutet und in der die Motive, die allen religiösen, politischen und pädagogischen Betätigungen zugrunde liegen, einem Weltbewusstsein und dem Streben nach Wohlergehen für die Gesamtheit und nicht bloss für einen Teil entspringen.
(Alice Bailey)
Wow, es ist erstaunlich, dass dies schon 1934 jemand geschrieben hat. Aber gerade dadurch könnte man auch den Eindruck gewinnen, dass es nur ziemlich langsam mit der Menschheit voran geht, denn ich treffe auch heute noch jede Menge Menschen, die durch ihre Begrenztheit im Denken und ihrem Anhaften an äußeren Autoritäten, Organisationen, Institutionen, Nationalitäten, usw. das Menschsein behindern und beschränken.
Und doch. Jetzt auf meiner Wartebank in dieser Kammer, die schon dem Verlies gleicht, in das sie sich schnell verwandeln kann, frage ich mich, ob dieses Ende unvermeidlich war. Ob wirklich eine Verkettung von Umständen, gegen die ich machtlos war, mich auf diese Bank getrieben hat, oder ob aus mir heraus etwas, das ich nicht in der Hand hatte, mich in diese Richtung drängte.
(aus "Medea. Stimmen." von Christa Wolf)
War eben bei meiner Ärztin ein neues Rezept holen und das erste Mal in der neuen "Kellerpraxis", da sie vor kurzem umgezogen ist. Dort ist es kreuzgefährlich, denn sofort, wenn man die Tür aufmacht, purzelt man schon eine Stufe hinunter, die sich wirklich gleich hinter der Tür befindet und sich dann zur Türöffnung hin auch noch verjüngt. Dafür hat sie jetzt aber neue Bilder zu hängen, echte Gemälde anscheinend von demselben Künstler, die mir richtig gut gefallen. Insbesondere das eine. Also wenn ein Preis daneben gestanden hätte, einer der bezahlbar ist, dann hätte ich das Bild vom Fleck weg gekauft. Ich nenne es mal eine "Muschelfrau" - das Porträt einer Frau von Muscheln umgeben, die aber in das Porträt selbst übergehen. Superschön, phantasievoll und sehr dekorativ.
Ansonsten habe ich heute versucht, ein paar Informationen zur Beantragung der Pflegestufe zu ergoogeln. Bei der Krankenkasse haben sie uns nämlich gesagt, dass der MDK zur Begutachtung nicht ins Krankenhaus geht. Bei der Recherche habe ich festgestellt, dass das gar nicht stimmt. Ich habe fast den Eindruck, die wimmeln bei der AOK so ihre Versicherten ab.
Aber auch im Internet erscheint es mir, dass die nicht sehr einfache Situation für die Angehörigen, in der wahrscheinlich viele etwas hilflos dastehen, so wie wir jetzt, hauptsächlich zur Geldschneiderei genutzt wird. Man findet zwar einiges an Informationen, soll aber zum Beispiel bei einem Anbieter nur für ein paar Muster-Vollmachten und Anträge alleine schon 4 € zahlen.
Wie gut, dass Deutschland Dritter geworden ist. So hört jetzt endlich das Geflenne der Nationalmannschaft auf, was sonst wahrscheinlich noch endlos weiter gegangen wäre.
Wie gut, dass ich keine Göttin bin, der man frische Stierhoden anheftet.
Über den Ausdruck, "Gedichte mit dem Seziermesser schreiben" meditieren
Die Amsel vor meinem Fenster als morgendlichen Weckdienst engagieren. Wenn sie früh singt, werde ich sofort wach. Das schaffen meine drei lautstarken Wecker, die alle auf einmal klingeln und die ich NIE höre beim Schlafen, nicht.
"Am Montag steht der Mond den ganzen Tag im Zeichen Steinbock. Venus und Neptun verbinden sich. Der Tag wird emotional, zum Teil sogar richtig hysterisch. Wundern Sie sich nicht, wenn Ihr Umfeld heute völlig anders tickt als sonst. Nur mit viel Geduld und Toleranz kommen Sie störungsfrei durch den Tag.
Der Abend birgt eine dicke Überraschung für Sie."
O ja, die dicke Überraschung, die hatte ich! Da will ich doch ahnungslos meinen Müll wegbringen, latsche vier Treppen runter, durch den Keller und quer über den Hof, da sind die Mülltonnen weg! Natürlich war es abzusehen, dass das irgendwann nochmals bei den Bauarbeiten der Fall sein würde, aber diesmal war noch nicht mal ein Anschlag im Hausflur dran, der einen darauf vorbereitet hätte. Ich also bis zur anderen Seite des Blockes gelatscht, um meine Mülltüte loszuwerden und da sah ich ihn - das neue Parkplatz-Ungetüm. Über die neuen Vorgärten, die wir seit der Fassadeninstandsetzung haben, konnte ich mich ja nun schon zu genüge aufregen. Millimeterkurzer Psychorasen mit quadratisch geschnittenen Hecken drum herum. Jetzt bei der Hitze ist der Rasen natürlich ständig kurz vorm Abnippeln, ist ja auch logisch, je kürzer, um so schneller vertrocknet er. Doch das scheint niemanden zu stören, stattdessen stellt man nun lustig den ganzen Tag die Rasensprenger an. Und wer bezahlt die Wasserrechnung? Ja, klar, natürlich die Mieter. Vorher hatten wir im Vorgarten Farne und Lilien, die sahen nicht nur schön aus, sondern überstanden auch jeden heißen Sommer ohne Extra-Bewässerung. Zur Regenzeit hatten sie jedoch die Eigenschaft, die Eingangstür leicht zuzuwuchern. Mich hat das nie gestört, aber anscheinend gibt es Menschen, die sich von wuchernden Farnen bedroht fühlen, ebenso wie von Vogelnestern unter der Regenrinne. Nur ja die Kontrolle über alles haben und nichts Wildes im Umkreis von zwei Kilometern an einen heranlassen. Nun haben sie auch noch den Kinderspielplatz mit dem wilden Gebüsch platt gemacht, alles einbetoniert und einen Parkplatz daraus gemacht. Nur ein paar kleine Quadrate mit ebenso kurzem Rasen, wie er in den Vorgärten ist, haben sie gelassen. Absolut trostlos und das beste ist, dass kein einziges Auto darauf steht. Natürlich nicht, denn da man in unserer Gegend genügend Parkplätze findet, hat keiner Lust, die 30 € extra zu seiner Miete zu bezahlen, die sie für einen Stellplatz verlangen. Aber erstmal alles einbetonieren und Geld kassieren wollen. Also echt, manche Leute sind so blöd, dass es schon wieder weh tut. Aber leider nicht ihnen, sondern mir und vielleicht noch anderen. Ok, das Recht auf Dummheit wird von der Verfassung geschützt, das nehme ich ja auch für mich selbst gerne in Anspruch, aber ab und zu hätte ich wirklich Lust, die zu nehmen und ihre Schädel so lange gegeneinanderzuschlagen, bis ihre Betonköpfe platzen und endlich Luft an das zubetonierte Gehirn kommt.
Ich kann mich irgendwie nicht erinnern, dass die Lindenbäume früher auch schon so betörend geduftet haben und vor meinem Bürofenster flattern die ganze Zeit rotbraune Schmetterlinge herum. Dieses Jahr scheint es mal wieder mehr Falter als Mücken zu geben, wie schön.
Eigentlich war ich nicht das erste Mal in Bernau. Ich kann mich dunkel entsinnen, in der 2. (?) Klasse, jedenfalls in der Unterstufe, von der Schule aus im Hungerturm und im Henkerhaus gewesen zu sein. Da ich aber nur ganz wenige und verschwommene Erinnerungen daran besitze, kann mich das nicht so sehr beeindruckt haben. Danach war ich mit 17-19 Jahren öfters in Bernau, weil mein damaliger Freund dort wohnte. Allerdings habe ich es damals mehr nachts kennengelernt und dann hauptsächlich die Jugendklubs. Jetzt steige ich immer in Bernau um, wenn ich an die Ostsee fahre, aber dabei sehe ich natürlich nur den Bahnhof. Da mich diese altertümlich anmutende, mittelalterliche Atmosphäre schon immer fasziniert hat, wie stets und überall, wollte ich einmal ganz genau wissen, was es dort zu entdecken gibt. Irgendwie üben alten Befestigungsanlagen immer eine starke Wirkung auf mich aus, wenn man seine Hand auf so eine alte Felssteinmauer legt, meint man die Stimmen aus Jahrhunderten vernehmen. Und das Durchstreifen der Altstadt hat mich wirklich begeistert. Ein ganz entzückendes kleines Städtchen, wo man in jedem Winkel der Geschichte begegnen kann, mal ganz abgesehen davon, dass es überall so romantische Ecken gibt. Wenn zwischendurch nicht die ins Stadtbild eingepassten Neubauten, die im Gegensatz zu den alten, wunderschönen Laternen mit den manchmal schiefen Köpfen die hochmodernen kugeligen wären, und natürlich die Autos, die aber im Gegensatz zu Berlin erholsam wenige sind, könnte man sich in eine andere Zeit versetzt fühlen. In Bernau sind große Teile der Stadtmauer einschließlich des Stadttores (Steintor), des Hunger- und Pulverturmes erhalten. Mit dieser Stadtmauer haben die Bewohner von Bernau schon 1432 den Hussiten getrotzt, welche die Stadt belagerten und unverrichteter Dinge wieder abzogen. Aus diesem Grund wird auch heute noch das alljährliche Hussitenfest gefeiert. Mehr zur Geschichte und zum Fest findet sich hier:
http://www.hussitenfest.de/historie2.htm und hier noch ein Link mit alten Bildern zum Steintor und zum Hungerturm:
http://www.heimatvereinbernau.de/altbernau/steintor.htm.
Und etwas seltsames passierte. Ich hatte an der Stelle (einer Kreuzung), wo man genau zwischen Kirche und Befestigungsturm steht, ein Deja-vu-Erlebnis. Und zwar ein ziemlich heftiges, jedenfalls so, dass ich wie vom Blitz getroffen an dieser Stelle stehen blieb und wohl etwas desorientiert immer von der Kirche auf der linken Seite zum Turm rechts von mir blickte, bis ich mich wieder gefangen hatte. Nun war ich an dieser Stelle vorher an dem Tag schon einmal gewesen, hatte aber in eine andere Richtung geschaut und dabei war mir überhaupt nichts aufgefallen. Doch jetzt, mit dieser anderen Blickrichtung, war es haargenau so, als hätte ich in einem Traum schon einmal dort gestanden. Vielleicht war es aber auch gar kein Traum, sondern die unbewußte Erinnerung an den Besuch mit der Schulklasse, falls wir eventuell an dieser Stelle gestanden haben, obwohl mich das in dieser Situation nicht so beeindruckt haben kann, zumal ich ja da mitten unter vielen Leuten gewesen sein muß. Deshalb glaube ich eher, dass es ein Traum war. Und noch etwas seltsames passierte - das Läuten der Kirchturmglocke der anderen, katholischen Kirche. An sich nichts seltsames, aber dieser Klang! Kann einem das Läuten einer Kirchturmglocke vertraut vorkommen? Dieses hier war es. Und zwar nicht nur vertraut, sondern es löste auch jede Menge seltsamer Gefühle bei mir aus. Es ist ein ganz anderer Klang, als ich ihn von den Kirchenglocken in Berlin gewohnt bin. Viel leiser, zarter, melodiös, aber irgendwie auch wie aus weiter Ferne. Wahrscheinlich klingen die Kirchenglocken in Berlin anders, damit sie den Lärm übertönen. Trotzdem fand ich es sehr kurios, dass mir der Klang der Glocken in Bernau zum einen so irritierend vertraut, aber dann wieder auf eine ganz eigene Weise fremdartig fern erschien.
Nach mehrmaligem Umrunden und Durchstreifen der Altstadt war ich zwar schon ziemlich geschafft, fühlte mich aber trotzdem noch fit genug, die 5,4 km bis zur nächsten Ortschaft zu laufen. Da diese Strecke genau der neu angelegte Radwanderweg Berlin-Usedom entlangführt, rechnete ich natürlich nicht mit irgendwelchen Orientierungsproblemen. Die ausgebaute Strecke war auch anfangs sehr gut markiert, nur leider, kurz vor dem Ziel, hörte diese neu ausgebaute Strecke auf und es waren nur noch alte "Wanderwege" zu finden, die zwar auch markiert sind, aber ziemlich zweifelhaft. Alles begann, als ich diese alte klapprige Eisenbahnbrücke durchquerte. Danach hatte ich die Wahl zwischen drei Wegen. Das Symbol für den Wanderweg befand sich nur auf dem Weg rechts von mir, weshalb ich diesen einschlug. Dann kam ewige Zeit gar nichts, an einer Kreuzung war das Zeichen jedoch wieder da. Auch auf dem Weg den ich nun folgte, war das Zeichen noch einmal angemalt, doch an der nächsten Kreuzung, wo sich drei Wege gabelten, war NICHTS mehr. Also lief ich erst den einen Weg hin und wieder zurück - nichts, den zweiten Weg ein Stück und wieder zurück - nichts, den dritten Weg ein Stückchen und zurück - nichts. Schließlich lief ich den Weg zurück, den ich gekommen war, weil ich dachte, dass ich vielleicht an Abzweigung nicht gesehen habe - Fehlanzeige! Zum Glück befand sich dort an der Stelle eine Gartenanlage und eine Frau mit ihrem Bewacher war gerade dabei in ihrem Garten Rasen zu mähen. Als ich sie fragen wollte, hörte sie mich erst nicht, sondern der Bewacher, ein riesiger schwarzer Hund bemerkte mich eher als sie und kläffte mich an. Er kläffte die ganze Zeit, so dass die Frau ihm schließlich das Maul zuhalten musste, damit wir unser eigenes Wort verstanden. Sie schickte mich genau den Weg wieder zurück, den ich gekommen war und meinte, ich hätte an der Brücke links abbiegen müssen, der Weg führe da dann durch den Wald, aber es sei ja noch nicht dunkel. In der Dunkelheit durch Wald bin ich schon öfters gelaufen, das stört mich nicht, aber es ärgerte mich, dass ich einen riesigen nutzlosen Umweg von bestimmt 3 km gemacht hatte. Und ich schwöre, an dem Weg linker Hand war kein einziges Wanderwegzeichen mehr zu finden. Allerdings ging der Weg nur noch zehn Minuten, bis ich am Zielort war, vielleicht hatte man sich die Markierung deshalb gespart. Wohlbehalten, bis auf ein paar schmerzhafte Blasen an den Füßen, bin ich ca. gegen 20 Uhr wieder zu Hause angelangt.
Nachdem es mittags aufgehört hatte zu regnen, habe ich es gewagt und bin auf den Ausflug gefahren, den ich mir ursprünglich vorgenommen hatte. Es hingen zwar Regenwolken am Himmel, doch geregnet hat es nicht wirklich. Im ganzen war es eigentlich ideales Wetter, da es sich leicht abgekühlt hatte, aber trotzdem noch angenehm warm war. Wenn jedoch der Wanderweg richtig markiert gewesen wäre, hätte ich mir wahrscheinlich so an die drei zusätzliche Kilometer gespart, die genau zu viel waren. Jedenfalls bin ich völlig fertig und habe ein paar fette Blasen an den Füßen, deshalb gibt es mehr zu dem Ausflug erst morgen.
Als ich auf dem Bahnhof auf den Zug nach Hause wartete, saßen hinter mir auf der Bank ein Vater und sein Sohn. Der Sohn fragte seinen Vater nach Wurzeln ab, nachdem dieser behauptet hatte, er könne Wurzeln ziehen, bei der Frage nach der Wurzel aus 16 aber meinte, man könne doch nur von Zähnen die Wurzeln ziehen. Der Vater lernte schnell und plötzlich erklärte der Kleine: "Du Papa, ich will jetzt nicht mehr zum SEK sondern zum Fußball."
Danach drehte sich das Gespräch um Fußballspieler. Auch hier schien der Vater nicht wirklich eine Leuchte zu sein, denn schließlich meinte der Junge entnervt: "Du kannst wirklich allen möglichen Mist erzählen, aber was Richtiges weißt du nie!"*lol*
Blitzschnell wurden auf Geheiß des Kapitäns hin von emsigen Kletterern die Taue an den Rahsegeln gelöst. Die Brise war so dünn, dass sie das Leinentuch völlig unbeeindruckt ließ, und trotz des Setzens sämtlicher Segel kamen sie kaum vorwärts. Immerhin hatten sie sich dem Kanonenboot bald so weit genähert, dass Ferdinand der Seebeuter durch das Fernrohr den Namen „WASILISSA“ entziffern konnte.
„Wasilissa, du Schöne, was trägst du in deinem Bauch?“ flüsterte er verschwörerisch und ein kleines Grinsen huschte über seine Mundwinkel. Außerdem machte er sechs gut ausgestattete Kanonen aus. Der Sturmvogel hatte nur zwei und diese waren überdies so klapprig, dass man bei jeder Benutzung befürchten musste, dass sie mitsamt der Kugel in die Luft flogen. Doch den Kapitän kümmerte das nicht und die Mannschaft schien sich davon ebenfalls nicht abschrecken lassen zu wollen. Ketten-Hannes krakeelte wie am Spieß und rasselte ungeduldig mit der Eisenkette, an deren Ende eine harmlos aussehende Kugel hing, der man ihre Schwere nicht anmerkte. Der Koch dagegen säuberte konzentriert sein großes Tranchiermesser an dem Tuch, welches er sich als Schürze in den Gürtel gestopft hatte. Fridolin, die Schiffsratte, kümmerte das alles gar nicht. Sie spazierte flink auf einigen Vorratstonnen herum. Und alle starrten gebannt auf den Umriss im Nebel, dessen Konturen sich zwar nur langsam, aber immer stärker von der Umgebung abhoben. Sankt Petersburg allerdings war unter einer undurchdringlichen Dunstglocke verschwunden.
Das andere Schiff schien sie noch nicht bemerkt zu haben. Der Nebel kam ihnen gut zupass. Ferdinand kaute nervös an seinen Fingernägeln, sein rotes Haar lag ungebändigt auf seinen Schultern, und auch unter den anderen Männern der Sturmvogel breitete sich eine unbestimmte Erregung aus, welcher sich jedoch noch keiner Luft zu machen gedachte. Eine konzentrierte Stille legte sich über das gesamte Deck, so dass nur noch die kleinen Wellen, welche sich am Schiffsrumpf brachen, zu hören waren. In dem berühmten Seebeuter reifte ein Plan heran.
„Hört mal alle gut zu!“ sagte er mit leiser Stimme zu seinem Steuermann und dieser winkte die nächststehenden Männer der Crew zu sich heran.
„Dieser Peter soll auch wieder heraufkommen, wir brauchen ihn.“
Jemand der Männer gab selbigem unter Deck Bescheid und mit mürrischem Blick kam er herangetrottet, die Haare struppig und zerzaust.
„Ich habe da eine Idee.“ begann der Kapitän wichtig, „Und du, Peter, wirst uns helfen, sie auszuführen.“
Die Augen des Schiffsjungen weiteten sich vor Freude.
„Nun erzähl schon, Meister!“ konterte Ketten-Hannes ungeduldig.
„Ich habe vor, Peter dort hinüber auf die Wasilissa zu schicken, unter dem Vorwand, dass er erkrankt ist. Die haben bestimmt einen Schiffsarzt und ich glaube nicht, dass sie sich weigern werden, ihm zu helfen. So kommen wir nahe genug an das Kanonenboot heran und.....ähm.... während sie sich in Sicherheit wiegen, werden wir ihnen ein tüchtigen Schuss vor den Bug versetzen, der das Chaos auslösen wird. Die beste Gelegenheit für uns, das Schiff zu entern, denn so schnell werden sie nicht antworten können. Was meint ihr?“
Peter war während der Ansprache blass geworden, Hannes grinste zustimmend, andere nickten mit den Köpfen, einige jedoch reagierten gar nicht und schauten betreten in die Luft.
„Na was ist? Hat es euch die Sprache verschlagen?“
„Was ist mit dem Jungen?“ Wilfrid Zeew fragte ernst und bestimmt, seine hellen Augen blickten missbilligend.
„Na was soll mit ihm sein? Den holen wir wieder runter.“
„Ja, wenn er dann noch lebt. Sobald wir angreifen, werden sie ihn als Geisel nehmen und möglicherweise sogar töten. So schnell werden wir das Schiff nicht geentert haben.“
Peter wurde noch blasser.
Der Kapitän tobte innerlich und hätte fast geschrien, was sie denn noch mit diesem kleinen Balg wollen, doch er beherrschte sich mit knapper Not, wobei seine Wangenknochen angestrengt unter der braunen Haut arbeiteten und antwortete diplomatisch:
„Er ist doch nicht dumm, auch wenn er uns fast die gesamte russische Flotte auf den Hals hehetzt hätte, und mutig obendrein.“ Dabei zwinkerte er Peter wohlwollend zu.
Dieser war hin- und her gerissen. Er ahnte nicht, ob das Kribbeln auf seiner Kopfhaut von dem Stolz über das Lob her rührte oder von der Furcht vor dem, was ihn erwarten würde.
Dann entschied er, dass die Furcht stärker war und wagte einen kraftlosen Einwand:
„Aber ich bin doch gar nicht krank.“
Ferdinand wusste nicht, ob er lachen oder heulen sollte, aber begriff, dass beides in dieser Situation zwecklos war.
„Natürlich nicht. Aber du wirst so tun.“ erklärte er milde.
Noch immer wirkte Peter nicht überzeugt und alles andere als begeistert. Es kamen Stimmen auf unter den Männern, dass es zu riskant wäre und man sich auf einen anderen Plan einigen sollte. Der Seebeuter beschloss, dass es an der Zeit sei, Peter eine gutgemeinte Entscheidungshilfe zu geben. Er beugte sich unauffällig zu ihm herunter und flüsterte:
„Du hast die Wahl – entweder werfe ich dich auf offener See über Bord oder du gehst auf dieses Schiff dort drüben. Na?“
Erschrocken schaute Peter vom Kapitän zum Steuermann, von diesem zu Ketten-Hannes, von Ketten-Hannes wiederum zu Wilfrid Zeew und schließlich zu dem Rest der Mannschaft, alle tuschelten und schauten erwartungsvoll, hatten aber von der Drohung des Seebeuters anscheinend nichts mitbekommen. Schließlich nickte er und stieß ein gequältes „In Ordnung.“ hervor.
Die Männer kamen heran und klopften ihm anerkennend die Schulter. Nur Wilfrid Zeew äugte weiterhin misstrauisch zu Peter und dem Kapitän hinüber, während sich die Planken des Schiffbodens ächzend unter der Gewalt des Wassers beugten.
Ach wie fein finde ich das, dass die große Göttin, die da sitzt auf ihrem selbstbemalten Thron, die die Sterne stickt, den Himmel strickt und die Wolken häkelt, sich zur Zeit so intensiv der Gartenpflege widmet und mir jeden Tag zum Feierabend einen erfrischenden Gewitterregen schickt. Nur diese wilde Herumfuchtelei mit den kurzgeschlossenen und ungesicherten elektrischen Haushaltsgeräten ist mir ziemlich suspekt. :-/
Edit 18:22 h:
So langsam wird es unheimlich. Meine Uhr ist während des Gewitters stehengeblieben und in dem Zimmer gegenüber vom Hof sieht man aus dem Fenster so komische Bilder flimmern. Als wenn da ein riesiger Monitor hängt und ab und zu stehen seltsame Leute am Fenster.
Edit gegen 22:00 h:
Gerade habe ich erfahren, dass in Berlin der Ausnahmezustand wegen dem Unwetter ausgerufen wurde. Zum Glück sitze ich wieder auf dem Trockenen und genieße Orgelmusik mit sehr ehrgeiziger Grillenbegleitung.
Zucker ist Gift für die Gefäße
Wie gemein ist Zucker wirklich?
Alles auf Zucker!
Zucker ist lebensnotwendig
Zucker - mehr als nur süß
Zucker ist Volkskrankheit Nr. 1
Hat Zucker etwas mit der Zugangsbeschränkung zu Vitalstoffen zu tun?
Denn Zucker ist sowohl süss und verführerisch als auch bitter und zerstörerisch
Zucker ist Lebensenergie und Lebensrisiko
Denn Zucker ist Zucker ist Zucker
Zucker ist keineswegs ein Gift, auch wenn es vielfach immer noch behauptet wird
Zucker ist eine süchtigmachende Droge
Zucker verdirbt den Geschmackssinn
Zucker ist die größte "Lüge und Droge der westlichen Welt"
Ähem, ich spare es mir jetzt, eine Stellungnahme zu diesen überaus massiven Vorwürfen abzugeben......
Heute kam ich nach der Arbeit an einem Kiosk vorbei, wo immer so ein paar Brüder sich an ihren Bierdosen festhalten. Diesmal hatten sie bis auf ihre Brustbehaarung alles oberhalb des Gürtels abgelegt und als ich vorbeiging sagte der eine zum anderen: "Mir wird ganz schwindelig, wenn ich sowas sehe." und der andere "Mir auch! Meine Fresse, wo kommen bloß die ganzen hübschen Frauen her?" Vielleicht sollten sie ja etwas weniger tief in ihre Bierdosen schauen, dann haben sie bestimmt nicht mehr unter diesen plötzlichen Schwindelanfällen zu leiden. *lol*
Als ich aus dem Supermarkt kam, hatte sich eine dicke Wolkenwand aufgebaut, es grollte und tröpfelte. Ich dachte, ich würde es noch bis nach Hause schaffen, doch genau hundert Meter vor der Haustür begann es wie aus Kannen zu gießen, so dass ich klatschnaß wurde. Wenn es nicht gerade so gedonnert und geblitzt hätte, wäre ich aber wahrscheinlich vor der Haustür stehen geblieben, weil es so schön war. Zufällig, wenn man denn an Zufälle glauben will, ich jedenfalls nicht, erhielt ich genau diesen Abend das Päckchen mit den neuen bestellten CDs. Und so legte ich mich im Regen auf die Bank auf meinem Balkon und hörte Musik, und zwar "Between Heaven and Earth" von A.R. Rahman. Wunderschöne Musik, hauptsächlich instrumental, dramatisch, mystisch, exotisch, aber nicht so exotisch, dass es einem auf den Keks geht. Das leise Donnergrollen und das Prasseln des Regens auf dem Dach lieferten den perfekten Hintergrund für diese Musik. Zitat aus dem Booklet: "The inspiration for A. R. Rahman's "Between Heaven and Earth" can be found along the historic passage known as the Silk Road, spanning the vastness of Asia and encompassing its full range of cultures, from China to Turkey. With its soaring melodies and a broad palette of of orchestral colors, the music captures the drama, the grandeur and the mystery that exists along this vital cultural link." Genau das ist es. Eine Abenteuerreise entlang der Seidenstraße. Etwas zum Träumen, in den Himmel schauen und genießen.
Das Wetter war mir die ganze CD hindurch gnädig. Danach begann es erneut so sehr zu donnern und zu blitzen, dass ich mich doch lieber wieder ins Zimmer verzogen habe. Und es gewittert und regnet noch immer, kühlt sich aber nur sehr langsam ab.
Ich habe das Glück, ein Waschbecken mit kaltem Wasser in meinem Bürozimmer zu haben, doch dieses ständige Rumgeplansche am Schreibtisch bringt es irgendwie auch nicht, sonst muß ich die Akten bald alle zum Trocknen aufhängen.Vielleicht sollte ich mir unter den Schreibtisch lieber eine Schüssel kaltes Wasser für die Füße stellen. Und vielleicht hätte ich lieber Gärtner werden sollen, dann könnte ich den Rasensprenger anstellen und mich drunter stellen.
Einer Kollegin hat sich erkundigt, wie es meinem Vater geht und ich habe ihr von dem Herzschrittmacher und den anschließenden Schüttelanfällen erzählt. Darauf meinte sie gleich, sowas kann doch nicht sein, wenn er vorher das nie hatte, die haben Pfusch gemacht und wir sollen uns wehren, usw. Dann fragte sie, in welchem Krankenhaus er liegt und als ich den Namen sagte, meint sie, dass sie bisher eigentlich eine gute Meinung von dem Krankenhaus hatte, aber jetzt, wo sie das hört, hat sie ihre Meinung geändert. Und sie hat es doch tatsächlich geschafft eine Akte zu finden mit einem Leichenschauschein eines Mannes Baujahr 1954, der genau in diesem Krankenhaus plötzlich gestorben ist. Kurioserweise steht auf dem Schein eines natürlichen Todes. Kurioserweise deshalb, weil bei meinem Opa, der mit 96 friedlich in seinem Fernsehsessel eingeschlafen ist, ein riesen Aufriß gemacht wurde. Er wurde einbehalten, obduziert und zum Schluß stand auf dem Totenschein "Todesursache unbekannt", was meine Mutter total verwirrt hat. Klar haben sie nichts gefunden, weil er einfach an Altersschwäche gestorben ist. Aber merkwürdig ist es schon, dass sie da so pingelig sind, aber bei jemandem der halb so alt und eigentlich noch jung ist, so schnell vom Hocker eine natürliche Todesursache bescheinigen, nur weil er in einem Krankenhaus lag. Auch wenn man eine Krankheit als mögliche natürliche Todesursache betrachtet, so bedeutet dass ja noch lange nicht, dass die Krankheit auch auf natürliche Weise zustande gekommen ist oder derjenige wirklich genau daran verstorben ist. Aber die werden schon wissen, warum sie es bei diesem Fall nicht so verbissen sehen wollten. Meine Kollegin erklärte mir, nachdem sie mir das "Fundstück" gezeigt hatte, dass sie von nun an diesem Krankenhaus nicht mehr über den Weg traut. Also so drastisch sehe ich das ja nicht, vielleicht möchte ich es ja einfach nicht so sehen, aber das ist trotzdem wieder Futter für meine geheime Krankenhausparanoia.